Angela McAllister, Digory der Drachentöter, Bloomsbury, 2006

Digory, ein schüchterner und verträumter Junge, findet im Wald einen riesigen Zahn, der nur von einem Drachen stammen kann! Stolz steckt er sich den Zahn an den Hut und wird im Dorf als Drachentöter gefeiert. Digory wagt nicht zu widersprechen, auch nicht, als er zum Ritter geschlagen wird. Auf seinem tauben Pferd Gerste wird er in die Welt geschickt, um ritterliche Taten zu vollbringen. Kann sich Digory als Ritter bewähren?

Leseprobe / (Seite 18-22)

[…] WIE SCHNELL SICH ALLES HERUMSPRICHT

Als Digory an diesem Nachmittag nach Hause kam, machten die Dorfbewohner große Augen. Sie zeigten auf seine Mütze, tuschelten und stießen sich leise an. Zuerst fiel Digory, der sein Zahnlied vor sich hin summte, gar nichts auf. Dann brach jemand in Jubelrufe aus. Menschen kamen vom Markt herbeigerannt und begannen zu klatschen und zu pfeifen. Langsam fühlte sich Digory unwohl in seiner Haut. Er sah sich um. Nein, hinter ihm ritt keine berühmte Persönlichkeit. Sogar die Dorfjungen jubelten niemand anderem zu als ihm.
Im Nu waren die Leute aus ihren Geschäften und Häusern geströmt, um einen Blick auf Digory zu werfen, wie er durchs Dorf ging.
"Ein dreifaches Hurra für Digory!", riefen sie.
"Digory hat den Drachen getötet!"
Kindern sprangen an ihm hoch, um seine Mütze zu berühren.
"Seht euch den Zahn an, genau, was Noggy gesagt hat! Digory hat uns vor dem Drachen gerettet! Hurra, wir sind gerettet!"
Plötzlich begriff Digory.
"Aber … aber …", protestierte er. "Das habt ihr völlig falsch verstanden. Ich habe den Zahn nur gefunden, einen Drachen habe ich nicht mal gesehen."
Aber Diskutieren hatte keinen Sinn. Niemand hörte ihm zu. Digory wurde von der Menge auf die Schultern genommen und wie ein Held zum Marktplatz getragen, wo sich das ganze Dorf versammelt hatte und er bereits von Junker Dickbauch persönlich erwartet wurde.
Junker Dickbauch hatte ihn schon immer ziemlich eingeschüchtert. Der Junker trug eine gelbe Weste und einen schwarzen Schnurrbart und klopfte den Leuten auf den Rücken, um freundlich zu sein. Digory wäre am liebsten weggelaufen, aber wo hätte er sich verstecken sollen? Der Junker hielt Digory sein großes Schnurrbartgesicht direkt vor die Nase und starrte ihn verdutzt an.
"Das ist er?", fragte er in die Menge.
Die Dorfbewohner jubelten.
"JA!", brüllten sie. "Das ist er!"
Also schüttelte der Junker Digory die Hand und klopfte ihm, wie sollte es anders sein, kräftig auf den Rücken (dabei machte er eine Delle in die Laute, und Digory schnappte nach Luft).
"Tjaja", lachte der Junker. "Wer hätte gedacht, dass dieser junge Karottenkopf unser Dorf ohne jede Hilfe vor dem Drachen retten würde!"
"Dem blutgierigen Drachen!", rief ein Ackerknecht aus der Menge.
"Dem blutgierigen, Knochen knackenden Drachen mit seiner knurrenden Schnauze!", brüllte der Fleischer.
"Dem blutgierigen, Knochen knackenden, Fleisch zerfetzenden Drachen mit seiner knurrenden Schnauze und seinem geifernden Rachen!", schnatterte eine alte Damen von hinten.
Die Menge tobte.
Aber Digory wurde von all dem blutrünstigen Gerede ganz schwindelig.
"Eine Ansprache, eine Ansprache!", rief die Menge.
Der Junker gab Digory einen Schubs. Die Dorfbewohner verstummten. Digory starrte in ihre erwartungsvollen Gesichter.
"Ich glaube … ich glaube … ich … uahhh …" Und er wankte und schwankte und fiel auf der Stelle in Ohnmacht.
In diesem Augenblick traf Digorys Mutter ein. Mit einem heißen Schürhaken bahnte sie sich einen Weg durch die Menge.
"Platz da, Platz da! Wo ist mein Junge? Wo ist mein kleiner Digory?" Und schon hatte sie Digory mit ihren starken Armen hochgenommen, klopfte ihm den Staub ab und legte ihn sich über die Schulter. Wieder brach die Menge in Jubel aus.
"Sie können sehr stolz auf Ihren Sohn sein, Betsy", sagte der Junker. "Er ist ein großer Held. Er hat dieses Dorf vor dem blutgierigen, Knochen knackenden, Fleisch zerfetzenden Drachen mit seiner knurrenden Schnauze und seinem geifernden Rachen gerettet. Ihm zu Ehren werden wir ein Festmahl halten. Wir werden ihn zum Ritter schlagen und ihm den Namen ‚Sir Digory der Drachentöter' geben!"
Digorys Mutter strahlte wie ein Schmelzofen, und eine Träne kullerte zischend an ihrem glühenden Gesicht herab.
"Das ist mein Junge", schniefte sie voller Stolz. "Ich habe wirklich nicht gewusst, dass es in ihm steckt." Sie machte – in ihrer Lederschürze – vor dem Junker einen Knicks und trug Digory nach Hause, um ihn in die Regentonne zu tunken.

EIN PAAR WORTE ZUM THEMA SCHLAUHEIT

Das Dorf, in dem Digory lebte, nannte sich Dummdez. Du kannst dir also vielleicht vorstellen, was für Menschen dort lebten. In Dummdez hatte noch nie irgendjemand etwas Schlaues getan.
Einmal sah Bauer Jakobskraut, wie nachts eine Sternschnuppe in den Teich fiel, und obwohl er die ganze Nacht danach fischte, fand er sie nie. Und Meg, die Kuhhirtin, behauptete, mit den Kühen sprechen zu können, aber weil keiner hören wollte, was eine Kuh zu sagen hat, interessierte sich niemand dafür.
Die Leute hielten Junker Dickbauch für den schlauesten Mann im Dorf, einfach weil er der Junker war. Aber niemand von ihnen war schlau genug, um zu wissen, wie schlau er wirklich war. Und der Junker selbst, so schlau er vielleicht war, kannte jedenfalls keinen schlaueren Menschen, mit dem er sich hätte messen können. Woher sollte er es also wissen? Kapiert?
Als Digory nun mit seinem Drachenzahn an der Mütze heimkehrte, zerbrach man sich deshalb nicht gerade den Kopf darüber. Irgendwie kam niemand darauf, dass im Umkreis von Dummdez noch nie ein Drache gelebt hatte. Es war nämlich eigentlich ein denkbar schlechter Ort für Drachen. Es gab keine Felshöhlen, der Wald war licht und voller Unkraut, und es nieselte fast täglich, was dem feurigen Atem eines Drachen natürlich gar nicht gut bekommt. Und wer hat schon Angst vor einem Drachen, aus dessen Nasenlöchern nur Dampf quillt?
Aber um so etwas zu wissen, muss man eben schlau sein, oder?
Als nun die Bewohner von Dummdez den Zahn sahen und hörten, dass er von einem Drachen sei, glaubten sie sofort, dass sie einem schrecklichen Schicksal entronnen seien.
[…]