Harriet Walker, Less is more. Minimalismus in der Mode, Collection Rolf Heyne, 2012

Weniger ist mehr! Was Mode betrifft, so ist weniger in der Tat meist mehr. In Less is More ergründet die Modejournalistin Harriet Walker diese These und damit eines der wichtigsten Stilmittel der Mode. Der Minimalismus entstand im frühen 20. Jahrhundert, als Frauenkleidung nach einem Jahrhundert komplexer Schnitte plötzlich »praktisch« und einfach wurde. Harriet Walker geht auf die Designer und Modeschöpfer ein, deren Kleider die Frau aus den Zwängen des Opulenten befreiten, von Coco Chanel über Pierre Cardin bis hin zu Designs von aktuellen Labels wie COS. Sie zeigt, dass der Minimalismus die Mode so sichtbar und kontinuierlich beeinflusst hat wie kaum ein anderes Konzept.

Leseprobe / Seite 9-10:

[…] Die Geschichte der Mode im 20. Jahrhundert ist auch eine Geschichte des Minimalismus. Es gibt kaum einen theoretischen Ansatz, der von so vielen einflussreichen Modedesignern aufgegriffen wurde und in die unterschiedlichsten Bereiche einfloss. Die besten und größten Namen der modernen Modewelt, von Coco Chanel und Cristóbal Balenciaga über Rei Kawakubo und Martin Margiela bis hin zu Hussein Chalayan, haben sich vom Minimalismus inspirieren lassen und seine Prinzipien zur Ausdrucksform erhoben.
Man könnte den Minimalismus als eine Art Ausgangspunkt bezeichnen, eine Tabula rasa, auf der Designer in schwierigen Zeiten immer wieder neue Inspiration finden. Genauso wie das Zeichnen eine Grundvoraussetzung für die Malerei ist, formulieren sich im Minimalismus gewissermaßen die Grundbausteine des Modedesigns. Doch obwohl der Minimalismus auf dem Wesentlichen basiert, hat auch er eine Entwicklung durchlaufen, die sich an seinem mal stärkeren, mal schwächeren Einfluss auf die unterschiedlichen soziohistorischen Zusammenhänge festmachen lässt. Diese Geschichte gilt es hier zu erzählen.

Das Konzept des Minimalismus zu umreißen, ist nicht einfach. Einerseits definiert er sich etwas nebulös durch das, was er nicht ist; andererseits lässt er sich als eine strenge, restriktive Ästhetik begreifen, nach der man arbeiten und leben kann. Offiziell entstand der Begriff in den sechziger Jahren, als eine Gruppe von Künstlern in New York gegen die traditionellen Darstellungsweisen der Malerei und Bildhauerei aufbegehrte und beschloss, nach eigenen Ausdrucksformen zu suchen, die möglichst wenig an die physische Existenz gebunden sein sollten. In den sechziger Jahren machte sich der Künstler Donald Judd einen Namen, indem er mit industriellen Materialien abstrakte Werke schuf, die sich jeder unwillkürlichen Kategorisierung entzogen und der Reinheit von Farbe und Form auf den Grund gingen. Seine Skulptur Untitled (folgende Seite) besteht aus einer Reihe von anodisierten Aluminium- und Acrylplatten, die – ohne sich zu berühren – übereinandergestapelt wie Tabletts an einer Wand befestigt sind. Judd beschrieb seine Arbeit als den "einfachen Ausdruck eines komplexen Gedankens", was auch das Konzept einer minimalistischen Modeästhetik recht gut umreißt: von Beginn an ging es darum, pragmatische und funktionelle, aber technisch hochwertige Kleidung für Frauen zu schaffen.

Die Geburtsstunde dieses Gedankens liegt jedoch länger zurück. Genau hier beginnt unser Buch. Die Vereinfachung der Kleidung, die in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts erfolgte, ist zweifellos minimalistisch avant la lettre, aber kann man diesen Begriff – schließlich war die entsprechende "Parole" noch gar nicht ausgegeben – wirklich darauf anwenden? Selbstverständlich kann man. Künstler wie Architekten arbeiteten schon lange vor der minimalistischen Bewegung nach den Prinzipien der Moderne, und die elegante Reduzierung, für die Modeschöpfer wie Coco Chanel eintraten, darf man ebensogut "modernistisch" wie "minimalistisch" nennen. Entscheidend ist, dass ihre Arbeit in erster Linie darauf abzielte, alles Unnötige, die Funktion Beeinträchtigende zu eliminieren. Genauso wie moderne Romanautoren von den rhetorischen Schnörkeln des viktorianischen Zeitalters Abstand nahmen oder die Bauhaus-Bewegung der zwanziger Jahre Praxistauglichkeit und Pragmatismus in den Vordergrund stellte, wollten die frühen Modedesigner die Werte damaliger Damenmode neu definieren. Modernität war zu diesem Zeitpunkt Vereinfachung im Sinne einer Klärung der Linie.

Definitionen des Begriffs Minimalismus bleiben häufig abstrakt, weshalb sich der vorliegende Text bemüht, für jeden thematisierten Modedesigner an konkreten Beispielen zu verdeutlichen, warum seine Kleider als minimalistisch eingestuft werden dürfen. Generell kann man sagen, dass ein entscheidender Punkt der Verzicht auf jegliche Formen von Verzierung ist. Ein mit Blumenapplikationen bedecktes Kleid von Balenciaga ist nicht unbedingt minimalistisch, doch die Kleider der Amphora-Linie desselben Designers mit ihren klaren Formen und schmucklosen Oberflächen sind es sehr wohl. Verzierung und Minimalismus schließen sich zwar nicht gegenseitig aus, aber jede Form von Dekoration muss aus der Struktur eines Kleides hervorgehen. An einem Kleidungsstück sollte es nichts geben, was für die Gesamtstruktur irrelevant ist, jedes Element sollte ein wesentlicher Teil des Ganzen sein. Der Minimalismus meidet das Überflüssige und Oberflächliche. […]