Elizabeth Gilbert, Das Wesen der Dinge und der Liebe, Bloomsbury Berlin, 2013

Alma Whittaker wird an einem perfekten Wintertag des Jahres 1800 in Philadelphia geboren. Dem jungen unabhängigen Mädchen fehlt es an nichts, auch nicht an Bildung. Der Aufbruch der Wissenschaft wird auch ihr Aufbruch in eine eigene Welt: die der Pflanzen und Natur. Während ihr klarer Verstand sie zu einer brillanten Wissenschaftlerin macht, zeigt ihr die Liebe zu einem Mann, dass nicht alle Geheimnisse zu ergründen sind.
"Das Wesen der Dinge und der Liebe" umkreist die Erde, von London nach Peru, nach Philadelphia, nach Tahiti und Amsterdam. Die Entdeckungsreise einer ganz und gar ungewöhnlichen Frau – und eine große Liebesgeschichte.

Leseprobe / Seite 79 – 82

[…] Almas Vater mochte weder die Kirche noch die Religion, er nahm Gott allerdings gern in Anspruch, wenn es darum ging, seine Feinde zu verfluchen. Die Liste der Dinge, die Henry nicht mochte, war lang, und Alma kannte sie gut. Sie wusste, dass ihr Vater große, korpulente Männer hasste, die kleine Hunde hielten. Er hasste auch Menschen, die schnelle Pferde kauften, obwohl sie nicht reiten konnten. Ferner hasste er: Vergnügungssegelschiffe, Landvermesser, billige Schuhe, Frankreich (die Sprache, das Essen, die Menschen), reizbare Büroangestellte, kleine Porzellantellerchen, die in Männerhänden sowieso nur zerbrachen, Gedichte (außer Lieder!), rückgratlose Feiglinge, stehlende Hurensöhne, verlogene Zungen, den Klang von Geigen, die Armee (jede Armee), Tulpen ("Zwiebeln, die sich wichtig machen!"), Blauhäher, Kaffeetrinken ("eine elende Angewohnheit der Holländer!") und schließlich – wobei Alma noch nicht ganz verstand, was die beiden Begriffe eigentlich bedeuteten – sowohl die Sklaverei als auch die Abolitionisten.
Henry konnte ein gehöriger Unruhestifter sein. So rasch wie andere ihre Weste aufknöpften, war er imstande, Alma zu kränken und zu verunglimpfen ("Niemand kann ein dummes, eigennütziges kleines Ferkel leiden!"), doch es gab auch Momente, in denen er sie nachweislich gern hatte, ja sogar stolz auf sie war. Einmal kam ein Fremder nach White Acre, um Henry ein Pony zu verkaufen, auf dem Alma das Reiten erlernen sollte. Das Pony hieß Soames, es war weiß wie Puderzucker, und Alma liebte es auf den ersten Blick. Man verhandelte über den Preis. Die beiden Männer einigten sich auf drei Dollar. Alma, gerade erst sechs Jahre alt, fragte: "Entschuldigen Sie, Sir, aber sind Sattel und Zaumzeug, die das Pony gerade trägt, auch im Preis enthalten?"
Der Fremde reagierte unwirsch auf ihre Frage, während Henry vor Lachen brüllte. "Da hat die Kleine Sie aber drangekriegt, Mann!", grölte er, und jedes Mal, wenn Alma an diesem Tag in seine Nähe kam, zauste er ihr das Haar und sagte: "Was habe ich doch für eine gute Geschäftsfrau als Tochter!"
Alma lernte, dass ihr Vater abends aus Flaschen trank, die mitunter Gefahren bargen (Geschrei, Vertreibung), hingegen auch Wunder bewirken konnten – etwa die Erlaubnis, auf ihres Vaters Schoß zu sitzen, wo sie möglicherweise phantastische Geschichten und vielleicht sogar ihren kostbaren Kosenamen zu hören bekam: Plum, Pflaume. An solchen Abenden erklärte ihr Henry Dinge wie: "Du solltest immer genug Gold dabeihaben, Plum, damit du, falls du entführt wirst, dein Leben zurückkaufen kannst. Wenn es nicht anders geht, näh es dir in den Rocksaum, aber hab immer Geld dabei!" Henry erzählte ihr, dass sich Beduinen in der Wüste Edelsteine unter die Haut nähten, für Notfälle. Er erzählte ihr, dass auch er sich am Bauch einen südamerikanischen Smaragd unter die lose Haut genäht habe, und wer nichts davon wisse, würde denken, es sei die Narbe einer Schussverletzung – nie im Leben würde er sie ihr zeigen, doch der Smaragd sei wirklich da.
"So ein letztes Bestechungsgeld braucht man, Plum", sagte er.
Auf dem Schoß ihres Vaters erfuhr Alma, dass Henry mit einem bedeutenden Mann namens Kapitän Cook um die Welt gereist war. Das waren die allerbesten Geschichten. Einmal war ein riesiger Wal mit aufgerissenem Maul aus dem Ozean aufgetaucht, und Kapitän Cook hatte das Schiff direkt in den Wal hineingesteuert, hatte sich einmal in seinem Bauch umgeschaut und war wieder hinausgesegelt – rückwärts! Ein anderes Mal hatte Henry auf dem Meer ein Weinen gehört und eine Seejungfrau erblickt, die auf dem Wasser trieb. Ein Hai hatte die Seejungfrau verletzt. Henry zog sie mit einem Seil an Bord, und sie starb in seinen Armen. Doch vorher, bei Gott, vorher hatte sie Henry Whittaker noch gesegnet und ihm gesagt, dass er eines Tages ein reicher Mann werden würde. Und so war er an dieses große Haus gekommen – weil ihm die Seejungfrau ihren Segen erteilt hatte!
"Welche Sprache hat die Seejungfrau gesprochen?", wollte Alma wissen. Ihrer Vorstellung nach musste es so etwas wie Griechisch gewesen sein.
"Englisch!", antwortete Henry. "Mein Gott, Plum, warum zum Teufel sollte ich eine ausländische Seejungfrau retten!"
Alma empfand eine fast ehrfürchtige Bewunderung für ihre Mutter, doch ihren Vater betete sie an. Sie liebte ihn mehr als alles auf der Welt. Sie liebte ihn mehr als Soames, das Pony. Ihr Vater war ein Koloss, zwischen dessen riesigen Beinen sie hervorlugte und sich die Welt ansah. Im Vergleich zu Henry war der himmlische Vater langweilig und sehr weit weg. Doch wie Gottvater aus der Bibel stellte auch Henry Almas Liebe hin und wieder auf die Probe, vor allem dann, wenn die Flaschen geöffnet waren. "Plum", sagte er beispielsweise. "Warum läufst du nicht, so schnell dich deine spindeldürren Beine tragen, runter zum Anleger und schaust mal nach, ob für deinen Papa Schiffe aus China gekommen sind?"
Bis zum Anleger waren es sieben Meilen, und der Weg führte über einen Fluss. Es konnte neun Uhr abends sein, Sonntag, und draußen ein bitterkalter Märzsturm wüten – Alma sprang trotzdem vom Schoß ihres Vaters und rannte los. Ein Diener musste sie an der Tür abfangen und in den Salon zurücktragen, sonst hätte sie es wahrhaftig getan, mit ihren sechs Jahren, ohne Mantel und Mütze, ohne einen Penny in der Tasche oder auch nur das kleinste bisschen Gold im Rocksaum. […]