Céline Curiol, Von Liebe sprechen, Piper, 2007

Sie ist die Stimme, die jeder hört und niemand kennt. Sie ist jung, sie lebt in Paris und arbeitet an der Gare du Nord. Als Bahnhofsansagerin kündigt sie die an- und abfahrenden Züge an, begleitet sie Abschiede, Trennungen und Hoffnungen. Allein kehrt sie in ihre Wohnung zurück. Dort hofft sie auf den seltenen Anruf des Mannes, den sie liebt. Sie haben sich geküsst in einer Nacht, doch er lebt mit einer anderen Frau, die schön ist wie ein Engel und ihr gegenüber so viele Vorzüge hat. So flüchtet sie sich in die Straßen der Stadt, in die Cafés und Bars an der Seine und in das trubelige Viertel um Les Halles; sie trifft auf Menschen, die so ungewöhnlich sind wie sie selbst und genauso einsam in ihrer Andersartigkeit. Sie tut scheinbar nichts, um zu verführen, und doch kommt der Punkt, an dem er sich ihr nicht mehr entziehen kann.

Leseprobe / (Seite 9-11)

[…] Sie kennen sich seit langem. Es ist ihr noch nie gelungen, sich den Moment ihrer ersten Begegnung ins Gedächtnis zu rufen, den Ort, den genauen Tag und ob sie ihm die Hand geschüttelt oder seine Wangen geküßt hat. Sie ist auch noch nie auf den Gedanken gekommen, ihn danach zu fragen. Eine erste Erinnerung gibt es jedoch. Als sie sich im engen Flur einer unaufgeräumten Wohnung den Mantel anzog, hatte sie seinen enttäuschten Gesichtsausdruck bemerkt. Die Frau, mit der er den ganzen Abend geflirtet hatte, wollte nicht mit ihm gehen. Hartnäckig versucht er, sie zu überzeugen, aber seine Worte zerfielen vor ihrer erhabenen Gestalt. Die Vorstellung, plötzlich auf den Gegenstand seiner Zuneigung verzichten zu müssen, war ihm, so dachte sie, in diesem Moment unerträglich. Ihn so zu sehen, so verliebt, hatte sie berührt. Sie war zwischen den beiden durchgegangen und hatte gesagt, ich bin dann weg. Aber er hatte ihr nicht geantwortet.

An seine Haare und seine Hände erinnert sie sich, immer. Ihre Beschaffenheit, ihre Farbe, ihre Größe, ihre Form hat sie als klares Bild vor Augen. Vielleicht weil sie das sind, was sie am liebsten und als erstes an ihm berühren würde, so als ob sie darüber Zugang zu seinem innersten Wesen bekäme.

Im Schaufenster ist jede Flasche so plaziert, daß sich ihre Position leicht von der ihrer Nachbarin unterscheidet. Auf den Schildchen steht kein Preis. Sie beschließt hineinzugehen. Der Weinhändler will die Zusammenstellung des Abendessens wissen, um ihr bei der Auswahl behilflich zu sein. Sie wagt es nicht, ihm zu sagen, daß sie nicht essen werden, sie fürchtet, daß er sie dann für eine Alkoholikerin hält. Ich bin eingeladen, man hat mir nichts gesagt, erfindet sie schließlich, um dem Anflug von Vorwurf in den Augen des Händlers entgegenzuwirken. Ich nehme Roten und Weißen, das paßt dann auf jeden Fall, fügt sie ergänzend hinzu. Er wählt drei Flaschen aus, sie ist sofort einverstanden. Er wickelt sie in glänzendes Papier, stellt sie senkrecht in die Tüte. Sie geht, am Arm das verheißungsvolle Klirren.

Sie hat auf der Terrasse eines leeren Cafés Platz genommen. Ein Kellner mit aschfahlem Teint, wie aufgehängt an seiner langen Wirbelsäule, nimmt ihre Bestellung entgegen und vergewissert sich dabei, daß außerhalb seines Bereichs alles so ist wie gehabt. Der Espresso kommt zusammen mit der Rechnung. Er ist kalt und bitter. Trotz ihrer Müdigkeit will sie diesen Abend nicht verpassen: Sie würde sich der Freundschaft, die er ihr entgegenbringt, unwürdig erweisen. Bestimmt wird irgend jemand Kerzen mitbringen. Es wäre schade, wenn er nichts zum Ausblasen hätte, keinen Wunsch aussprechen und keine Sahne von kleinen Plastikhaltern lecken könnte, gerade er, dem es so wichtig ist, seinen Geburtstag zu feiern. Sie selbst war schon immer der Ansicht, daß es keinen Sinn ergibt, ihre Ankunft in dieser Welt feierlich zu begehen, aber in seinem Fall kann sie es verstehen. Was ist ein Geburtstag? Man markiert die Zeit, um sie auf ein menschliches Maß zu reduzieren. Der Kellner hat jetzt Dienstschluss, er will kassieren. Seine Handfläche ist ein Netz verworrener Linien, eingraviert von den im Alltag hundertfach wiederholten Bewegungen. Plötzlich hat sie Lust, etwas anderes daraufzulegen als Metall, vielleicht ihre eigene Hand.

In ihrer Wohnung riecht es nach Räucherstäbchen und Lack. Sie nimmt die Flaschen aus der Tüte, stellt sie nebeneinander auf den Küchentisch. Sie zögert, dann öffnet sie die Weißweinflasche, schenkt sich ein Glas ein und wartet darauf, daß es Zeit wird, zu ihm zu gehen.

Die Leute unterhalten sich, hier um ein Sofa, dort um einen Stuhl gruppiert. Man lacht, frotzelt, plappert und schwärmt ohne allzu große Mühe. Das Summen der Gespräche wandert mit ihr von einem Zimmer ins nächste, die Stimmen wechseln die Tonart, zerplatzen wie große Blasen zu nah an ihrem Ohr. Ihr ist jetzt schon schwindelig. Jemand fragt sie, ob sie den Korkenzieher gesehen hat. Sie zuckt mit den Schultern, ihre Kinnmuskeln sind ein bißchen steif. Man reicht ihr Gläser, man stößt mit ihr an, sie trinkt. Es gibt immer mehr fremde Gesichter, und sie haßt es, den ersten Schritt tun zu müssen. Eine aufgekratzte Frau mit gebleichtem Haar rempelt sie beim Verlassen der Toilette an. Sie sucht Blickkontakt, um der Angreiferin ihr Mißfallen kundzutun, aber die Frau marschiert ins Wohnzimmer, ohne sie zu beachten. Sie verriegelt die Tür, hebt ihren Rock und läßt sich schwerfällig auf dem Sitzbecken nieder. Sie gähnt, ihr Kopf ist anderthalb Tonnen schwer, es ist noch nicht einmal Mitternacht. Als sie ihr Schlupfloch verläßt, steht er im Flur. Gerade ist eine Frau gekommen und hat ihm die Arme um die Taille gelegt. Sie heißt Ange. Engel. Sie ist noch fast so wie in ihrer Erinnerung, vielleicht ein bißchen freundlicher als bei ihrer ersten Begegnung an der Wohnungstür. Sie lächeln sich zu. Ja, denkt sie, die beiden passen ziemlich gut zueinander. Er hat seine Wette also gewonnen: Der rebellische Engel hat sich erobern lassen und nimmt an seinem großen alljährlichen Fest teil. Jetzt erst sieht sie die weißen Flügel auf Anges Rücken. Zwei kleine, harmlose Flügelchen, deren Flaum so seidig ist, daß er die schlimmste Schlaflosigkeit beenden kann. Er hat diese Flügel berührt, und das ist es, was ihm gefallen hat. Wer könnte solchen Engelsflügeln schon widerstehen? Auch sie würde sie gern einmal berühren, um zu wissen, wie es sich anfühlt. Aber sie ist nicht der Typ Mensch, für den sich Engel interessieren. Na, geht's dir gut? Sie nickt. Jetzt erst fällt ihr der Grund für ihr Kommen ein. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, sagt sie in einem Ton, der wie eine Entschuldigung klingt und nicht wie eine Gratulation. Er kommt zu ihr und nimmt sie in den Arm. Sie macht sich steif, sie will nicht, daß er sie so an sich drückt. Sie hat Lust, ihm zu sagen, daß man mit gewissen Gesten nicht leichtfertig umgehen sollte, und schon gar nicht bei einem so konventionellen Anlaß. Man muß vorsichtig sein und den geeigneten Augenblick wählen. Seine Arme halten sie fest umschlungen, die gespreizten Hände drücken gegen ihren Rücken. Es gelingt ihr, sich für einen kurzen Moment gehenzulassen, dann lösen sich die Arme wieder von ihr, aber der Eindruck bleibt. […]