Buchcover Wozu Lesen

Charles Dantzig, Wozu lesen?, Steidl (L.S.D.), 2011

Leseprobe Seite 32:

Lesen belebt neu

Wir lesen aus purem Egoismus, bewirken damit jedoch ungewollt etwas Altruistisches. Denn durch unsere Lektüre hauchen wir einem schlafenden Gedanken neues Leben ein. Was ist ein Buch, wenn nicht Dornröschen, was ist ein Leser, wenn nicht ihr Märchenprinz, selbst wenn er eine Brille trägt, kaum noch Haare auf dem Kopf hat und achtundneunzig Jahre auf dem Buckel? Ein geschlossenes Buch existiert, aber es lebt nicht. Es ist ein Quader, wahrscheinlich mit einer feinen Staubschicht bedeckt und nichts als eine leere Schachtel. Man könnte sagen, jede Lektüre ist eine Wiedererweckung. Mallarmé hat übertrieben, als er behauptete, der Leser sei der Schöpfer eines Gedichts. "Wiederbeleber" hätte genügt. Wir sind erwachsen genug, um den Leser, so wichtig er auch sein mag, nicht mit dem Schöpfer eines Werkes zu verwechseln.

Leseprobe Seite 98 – 102:

Lesen heißt, sich tätowieren lassen

Wenn es dem Leser gelänge, sich von allen Sätzen, die ein Schriftsteller geschrieben hat, einen, nur einen einzigen zu merken, der in die Erinnerung eingebrannt alle anderen in sich trüge, so wäre dieser Schriftsteller gerettet. Denn eine solche Erinnerung hält das Interesse des Lesers wach, seine Zuneigung, und macht die nochmalige Lektüre möglich.

"Ist das Werk einmal dem Urteil der Menschen entzogen, geht es unter entsetzlichen Qualen zugrunde."

Samuel Beckett, Die Welt und die Hose


Wir Franzosen haben eine große Schwäche für die Verfasser von Maximen. Sie tätowieren uns für immer den Geist. Ihre Bücher sind wie Buden, deren Wände nicht mit Drachen, Delfinen, Totenköpfen oder Tribal-Motiven, sondern mit Aphorismen gespickt sind. Begeistert blöken wir ihre Sätze nach wie eine Heerschar intellektueller Schafe, die ein Polemiker einmal als die "Internationale der Zitationisten", getauft hat (allerdings hat er da selbst wohl ein bisschen zitiert).

"Mein Geist entgleitet mir. Ich muss ihn hinterrücks wieder einfangen, indem ich spreche."

Susan Sontag, Wiedergeboren

[…] Maxime kommen dem Schriftsteller so nah wie es die Schrift vermag. Sie sind beinahe unmittelbare Äußerung seines Denkens und Fühlens. Sie sind kein Extrakt, sondern Essenz. Vollendet, ausgefeilt, perfekt. Ein Geschoss, das der Autor auf die von ihm selbst benannte Spezies "Mensch" abfeuert. Der Verfasser von Maximen ist häufig ein Misanthrop. Im Allgemeinen ist sein Leben alles andere als eine Erfolgsgeschichte. La Rochefoucauld misslingt seine militärische Karriere, Vauvenargues scheitert mit der Fronde, und Chamfort ist gewissermaßen ein geborener Versager, weil er in einem aristokratischen Jahrhundert als Bürgerlicher das Licht der Welt erblickt. Deshalb klingen in Maximen häufig Illusionslosigkeit, Verachtung und Überdruss an. Maximen sind Pillen für die Verbitterung. Und der Leser ist entzückt darüber. Im Gegensatz zu Romanen, in denen er sich mit den Figuren identifizieren will, kann er den Protagonisten der Maximen, "den Menschen", nach Lust und Laune verachten. "Der Mensch" – so lautet der feinsinnige Name, den ein Verfasser von Maximen seinen persönlichen Feinden gibt. Der Mensch, das ist der Andere; aber nicht der ferne und somit liebenswerte Andere, sondern der nahe, greifbare Andere, dieser Dreckskerl. Der Mensch, das ist der Nachbar. Eigentlich wäre es nur ein kleiner Schritt – den der Leser freilich selten tut -, um zu dem Schluss zu gelangen, dass man selbst irgendwie auch dieser Mensch ist. "Die Dankbarkeit der meisten Menschen ist nur der geheime Wunsch, noch mehr zu bekommen." (François de La Rochefoucauld) Ah, der Mensch, dieses Schwein! Ah, dieses Schwein, das ich nicht bin! Maximen entlarven die Fehler eines Unbekannten, der idealerweise ein Bösewicht ist. Auch Christen mögen manchmal unter den Angeklagten sein (weil sie sich zu ihren Fehlern bekennen), aber niemals die Verfasser von Maximen und nur selten ihre Leser.

"Der russische Mensch besitzt in höchstem Grade die Fähigkeit, erhaben zu denken, aber sagen Sie mir, warum bringt er es im Leben zu überhaupt nichts Höherem?"
Veršinin in Drei Schwestern, Anton Čechov

Solche Autoren nennt man Moralisten. Logischerweise gibt es sie nur in Frankreich, wo die Sitten zu Gericht sitzen und – was noch schlimmer ist – ihre Schlüsse ziehen. Ein Franzose ist ein Mensch, der wissen will, wer mit wem schläft, um daraus Ursachen abzuleiten. Ein Ding der Unmöglichkeit in England, wo man schüchtern ist und sehr viel häufiger auf dem Land lebt (was dasselbe ist). Meistens bedienen sich Maximen eines Gedankenspiels von These und Antithese, zwischen denen der Mensch zermalmt wird wie von einem Nussknacker. Ist dies vielleicht der Grund warum die Maxime nur unter sehr harten Menschen ihr kleines aber treues Publikum findet, unter der gnadenlosen Jugend und dem gefühlskalten Alter?

"Denn Jugend –"
Virginia Woolf, Ein Zimmer für sich allein

Maxime taugen zur Tätowierung. Sogar Menschen, die solche Lebensregeln normalerweise nicht gerade verschlingen, lassen sie sich ins Fleisch schreiben, wenn sie zufälligerweise auf eine stoßen, die sie bewegt. Und das ist wörtlich gemeint. Der englische Sänger Robbie Williams hat sich folgende Devise auf den Oberkörper tätowieren lassen: "Chacun à son goût."

up-button