Aminatta Forna, Abies Steine, Berlin Verlag, 2007, LiBeraturpreis 2008

Leseprobe / (Seite 17-19)

[…] Es begann mit einem Brief, wie das bei Geschichten manchmal so ist. Einem Brief, der an einem Wintertag vor drei Jahren hier eintraf, einem Brief, auf dem eine Marke mit einem schwarzweißen Eisvogel klebte, die feuchte Kälte der frischen Luft und der Poststempel eines Ortes, aus dem seit mindestens einem Jahrzehnt kein Brief mehr gekommen war. Aus einem Land, das verschwunden zu sein schien, zurückgekehrt in frühere Zeiten, wie die großen, leeren Flächen auf alten Landkarten, die die Kartenschreiber von einst mit Zeichnungen von mythischen Bestien und unermesslichen Reichtümern füllten. In Wirklichkeit begann diese Geschichte natürlich schon vor Hunderten von Jahren, als Reiter aus einem untergegangenen Königreich namens Futa Djallon in die Ebene kamen – lange bevor sich europäische Kartenschreiber mit der quälenden Frage beschäftigten, wie die leeren Flächen zu füllen seien. Eine Geschichte kommt mir in den Sinn. Eine Geschichte, die ich wohl schon seit Jahren kenne, obgleich ich mich nicht mehr daran erinnere, wer sie mir erzählt hat. Vor fünfhundert Jahren segelte eine Karavelle unter der Flagge des Königs von Portugal an der Biegung des Kontinents entlang. Irgendwo auf der Höhe der Kapverdischen Inseln geriet man in eine Flaute, die Vorräte an Nahrung und Wasser wurden knapp. Als die Winde schließlich ein Einsehen hatten, bliesen sie die Karavelle in südwestlicher Richtung auf die Küste zu, wo der Kapitän mehrere natürliche Häfen sichtete und vor Anker ging. Krumm vor Hunger, das Haar vom Skorbut gelockt, ruderten die Seeleute an Land und schleppten sich durchs seichte Wasser den Sandstrand hoch in den Schatten der Bäume. Da standen sie nun und schauten sich ungläubig um. Man stelle sich vor! Baumelnd vor ihren Gesichtern: saftige Mangos, Sternfrüchte, Avocados, jede so groß wie ein Männerkopf. Ananasfrüchte nickten ihnen an ihren eleganten Stielen aufmunternd zu, Süßkartoffeln und Yamsknollen lugten aus der Erde hervor, große Bananenhände streckten sich zu ihnen herab. Die Seeleute glaubten, dass sie nichts Geringeres gefunden hatten als den Garten Eden. Und genau das glaubten die Europäer, glaubten es lange Zeit: dass Afrika das Paradies sei. Eine Woche, nachdem jener Brief kam, habe ich das letzte Mal über diese Geschichte nachgedacht. Da hatte ich London – der Stadt, die ich jetzt mein Zuhause nenne – den Rücken gekehrt, um den Weg des Briefes zurückzuverfolgen und dorthin zu reisen, woher er gekommen war, und sogar noch weiter. Ich stand in einem Wald, der nicht anders war als der, in den die Seemänner gestolpert waren. Und erinnerte mich daran, wie ich frühmorgens meinen Großmüttern, den Frauen meines Großvaters, nachschaute, wenn sie ihre Häuser verließen und den Pfad nahmen, auf dem ich jetzt wieder stand, um zu ihren Gärten zu gehen. Eine Frau nach der anderen trennte sich von der Gruppe und ging zu ihrem Stück Land, dessen Grenze ein verlassener Termitenhügel, ein umgekippter Baum oder ein senkrechter Felsblock markierte. Dort, unter den riesigen Iroko-, Sapelli- und Kapokbäumen des Waldes, hegte und pflegte jede die Guaven, die Papayas und Malabaräpfel, die sie gepflanzt hatte. Zwischen den Yamsknollen und Manioksträuchern zog sie das Unkraut aus der weichen, dunklen Erde und goss die Ananaspflanze, die in der Mitte ihres Terrains stand. Ich dachte an die Seemannsgeschichte. Lange war ich der Meinung, dass es nur das war. Eine Geschichte. Darüber, wie uns die Europäer entdeckt hatten und wir aufhörten, ein weißer Fleck auf der Landkarte zu sein. Aber Monate später, nachdem ich den Brief bekommen hatte, seiner Flugbahn gefolgt und mit einem weichen, dumpfen Aufprall in einem Zauberwald gelandet war, nachdem ich den vielen Geschichten gelauscht hatte, die in diesem Buch enthalten und für dich niedergeschrieben sind, fiel mir diese eine Geschichte wieder ein. Und mir wurde klar, dass sie in Wahrheit von etwas anderem handelt. Sie handelt von einer anderen Sichtweise. Die Seemänner waren blind für die Zeichen, unfähig, das Muster oder die Logik zu erkennen, nur weil sie sich von ihrer unterschied. Die afrikanische Sichtweise: obskur, unsichtbar und doch sichtbar, offenkundig für jeden, der dazugehört. Was die Seeleute sahen, hielten sie für die Reichtümer der Natur und stahlen es aus den Gärten der Frauen. Sie glaubten, Eden gefunden zu haben, und das war es vielleicht auch. Aber es war ein Eden, das nicht von Gottes Hand, sondern von Frauenhand erschaffen war. […]